Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist derzeit das Lieblingskind der Medien. Dennoch ist sie weit davon entfernt, ein neuer New-Age-Hype zu sein. Die Praxis der Achtsamkeit ist ein Ur-Element der buddhistischen Psychologie und Spiritualität.
 

Buddhistische Wurzeln

Die Wurzeln der Achtsamkeitspraxis gründen in der Satipatthāna-Sutta, einer der ältesten überlieferten Lehrreden des Buddhismus. Die Ausführungen über die Achtsamkeit nahmen bereits in der Anfängen des Buddhismus eine bedeutende Stellung ein und in ostasiastischen Ländern genießt die ‚Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit‘ sogar die höchste Verehrung.
 

Achtsamkeit als neuer Lebensstil

Diese Praxis hat nicht nur zweieinhalbtausend Jahre überlebt, sie wird weltweit für immer mehr Menschen zur Grundlage eines neuen, umfassenden Lebensstils. Wie ist das zu erklären? Zunächst einmal dadurch, dass es sich im Grunde um eine einfache, scheinbar unspektakuläre und vor allem unreligiöse Übung handelt. Ganz nüchtern könnte man sie auch als eine ideologieunabhängige psychologische Technik zur Schulung des Geistes bezeichnen.

Im Wesentlichen geht es um eine Beobachtung der Dinge, die in einem und um einen herum im gegenwärtigen Moment geschehen. Das ist eine Form von Aufmerksamkeit. Was Aufmerksamkeit zur Achtsamkeit macht, ist die innere Haltung des Beobachters. Achtsamkeit zu praktizieren bedeutet, das Geschehen auf eine vorurteilsfreie, offene und freundliche Weise wahrzunehmen – und zwar unabhängig davon, ob das Wahrgenommene angenehme oder unangenehme Gefühle erzeugt.
 

Wahrnehmen, was geschieht, während es geschieht

Derzeit bemüht man sich in verschiedenen Diskursen um eine Definition des Achtsamkeitsbegriffes. Am weitesten verbreitet sind die Definitionen von Jon Kabat-Zinn:

… in bestimmter Weise aufmerksam sein: absichtsvoll, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen.“

Achtsamkeitsmeditation ist eine bewusste Disziplin, bei der es um eine bestimmte Art der Auf-merksamkeit im eigenen Leben geht. Es kann am einfachsten als absichtsvolle Kultivierung nicht-urteilenden Gewahrseins in jedem Moment beschrieben werden.“

Sich dessen bewusst zu sein was in einem und um einen herum geschieht, erfordert das Gewahrsein eines beobachtenden Bewusstseins, das zugleich Teil der Erfahrung und getrennt von der Erfahrung ist. Dieses beobachtende Bewusstsein erlaubt, von einer Haltung, bei der man völlig mit einer Erfahrung identifiziert ist, in eine Haltung zu wechseln, in der die Erfahrung untersucht werden kann.

In dieser Fähigkeit der Hinwendung vom Subjekt zum Objekt liegt der besondere Wert der Achtsamkeit – wie sowohl Erfahrungen von Praktizierenden als auch wissenschaftliche Studien zeigen. Die Achtsamkeitspraxis ermöglicht es uns, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Man kann diese erweiterte Perspektive als eine vertikale 180 Grad-Drehung im Bewusstsein bezeichnen: Alles Alte sieht anders aus, wenn es in einem neuen Licht gesehen wird.

Wenn wir von einer veränderten Perspektive sprechen, bedeutet das keine Distanzierung oder Trennung von der Erfahrung. Ganz im Gegenteil: es bedeutet, tiefer und ganzheitlicher zu sehen, zu fühlen und zu verstehen. 
 

Die inneren Haltungen der Achtsamkeit

Ausdruck der Achtsamkeitspraxis sind die inneren Haltungen der Achtsamkeit, die je nach Übersetzung manchmal unterschiedlich benannt werden. Sie bedingen einander und sind miteinander verwoben.

Anfängergeist |Nicht werten | Anerkennen | Nicht streben | Nicht anhaften | Geduld | Vertrauten.

Bisweilen werden noch die Haltungen Freundlichkeit, Mitgefühl und Humor hinzugefügt.
 

Achtsamkeit: einst und heute

Dass wir die buddhistischen Übungen und die buddhistische Psychologie heute auf eine säkulare Weise nutzen können, haben wir vor allem dem Medizinprofessor Dr. Jon Kabat-Zinn zu verdanken.

Ende der 1970er Jahre entwickelte er an der University of Massachusetts ein achtwöchiges medizinisches Programm mit dem Namen MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction = Stressbewältigung durch Achtsamkeit). Das Programm ist eine Synthese aus den überlieferten buddhistischen Achtsamkeitslehren, und Erkenntnissen aus Verhaltensmedizin und Neurowissenschaften.

Im Zuge der wissenschaftlichen Erforschung dieses weltanschaulich neutralen Programms wurden die heilsamen körperlichen und psychischen Wirkungen der Achtsamkeitspraxis und der dazugehörigen meditativen Übungen bestätigt.

Inzwischen nutzen weltweit immer mehr Menschen die Achtsamkeitspraxis als Grundlage für eine sinnhafte und ganzheitliche Lebensweise, die Glück und Zufriedenheit nicht von äußeren Umständen abhängig macht.


„Die Achtsamkeitspraxis ist eine adäquate Antwort auf die Herausforderungen, vor die uns das Leben im 21. Jahrhundert stellt.“
Doris Kirch